Vom Schweben und Tölten

Das Reiten auf Gangpferden ist streng genommen keine eigenständige Reitweise im herkömmlichen Sinne. Aber da die Gangpferde eine eigene Reiterszene, spezielle Pferderassen und Reiterhilfen sowie andere Ausrüstungen haben, werden sie hier gesondert genannt.

Gangpferde sind Pferde, die eine zusätzliche Gangveranlagung haben, das heißt, sie können außer den üblichen Gangarten Schritt, Trab und Galopp auch noch die Gangart Tölt, und manchmal sogar Pass.Auf der gesamten Welt gibt es viele Gangpferde, da diese Gangveranlagung genetisch recht häufig verbreitet ist. So zählt man etwa 40 Gangpferderassen. Die bekanntesten sind die lslandpferde, töltentenden Traber, Marchador oder auch die südameriknnischen Paso Finos und Paso Peruanos.

Ursprünglich trugen auch viele andere Rassen eine Gangveranlagung in sich,aber da sie bei ihnen unerwünscht war, hat man sie gezielt weggezüchtet. Tölt ist eine Gangart im Viertakt, wie ein schneller Schritt. lm Tölt können manche Pferde sogar so schnell laufen wie andere im Galopp. Da beim Tölt immer nur ein Bein vorgesetzt wird - im Gegensatz zum Trab, wo immer zwei Beine gleichzeitig nach vorne schwingen - ist er für den Reiter besonders bequem zu sitzen. lm Tölt gibt es also keine Schwebephase, abwechselnd sind im Tölt immer ein oder zwei Beine am Boden.

Die Fußfolge ist eigentlich die gleiche wie im Schritt: Erst setzt der Huf hinten links auf, dann der Huf vorne links, danach hinten rechts und als Letztes vornerechts. Pass, besser gesagt Rennpass, ist etwas ganz Besonderes: Auch bei den Gangpferden können nur einige Pferde den richtigen Rennpass laufen. Er kann ebenfalls bis zum Galopptempo geritten werden und erfordert dann von einem Pferd viel Kraft. lm Pass setzt das Pferd die äußeren Beinpaare immer gleichzeitig auf: also gleichzeitig vorne rechts und hinten rechts, dann vorne links und hinten links und so weiter. So ein Rennpass wird nur über wenige hundert Meter geritten, da er sonst zu anstrengend für das Pferd wäre. Es muss sich fortwährend mit dem gesamten Körper strecken und kann so bis zu 45 Kilometer pro Stunde schnell werden.

Ein langsamer Pass, der das Pferd kamelartig schreiten lässt, ist dagegen nicht erwünscht und wird selbst bei den Gangpferden nicht gern gesehen.

Es ist übrigens durchaus nicht immer ganz einfach, die Gangarten der Gangpferde sauber zu reiten. Es gibt eine Menge Pferde, die sich etwas schwerer damit tun, einen taktklaren Tölt oder Pass zu gehen. So existiert leider auch keine klare "Tölthilfe", die ver- gleichbar mit einer fest definierten Galopphilfe bei allen Pferden funktioniert. lm Gegenteil: Man unterscheidet sogar unterschiedliche Ausprägungen bei den einzelnen Gängen - wie zum Beispiel die Verschiebung vom Tölt in den Pass oder die Gangverschiebung in Richtung Trab. Solche "Trabtölter" werden dann anders geritten als die "Passtölter".

Die bei uns in Deutschland häufigsten Gangpferde sind die Isländer. Sie wurden seit den l980er-jahren nach Deutschland importiert und begründeten eine ganz neue Reiterszene, die sich bewusst von den Dressur- und Springreitern abgrenzte und auch begann, sich für die artgerechte Pferdehaltung einzusetzen.

Die Freizeitreiter waren nicht nur begeistert von den zusätzlichen Gangarten ihres Ponys, sondern auch davon, wie robust und gleichzeitig gangfreudig ihre liebevoll "Isis" genannten Pferde waren. lslandpferde haben zwar "nur" Ponygröße, sind jedoch durchaus temperamentvoll. Sie gelten als lauffreudig, aber auch recht einfach im Umgang.

Die Reiter, denen die großen Warmblüter zu kompliziert im Umgang erschienen, waren gerade zu Beginn dieser Entwicklung fasziniert von der Freundlichkeit ihrer Isländer. Inzwischen gibt es sicherlich genauso viele schwierige Islandpferde wie schwierige Warmblüter, denn mit dem Aufblühen einer eigenständigen Turnierszene begann man damit, nicht nur sanftmütige Freizeitpferde zu importieren, sondern auch temperamentvolle Turniersportler - und die sind nun einmal bei jeder Rasse nur etwas für Profis.